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Abhängigkeit verlagert: Von Russland zu Amerika

Handelspläne und Drohkulissen machen Europas Gasversorgung erneut verwundbar

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Abhängigkeit verlagert: Von Russland zu Amerika

Europa hat sich vom russischen Gashahn gelöst – und hängt nun wieder an einer einzigen Leitung, nur eben über den Atlantik. Ausgerechnet der Streit um Grönland legt diese neue Verwundbarkeit offen: Wie stabil ist eine Energiestrategie, die sich im Ernstfall politisch drehen lässt?

Der Schock sitzt noch frisch. Nach Russlands Überfall auf die Ukraine mussten die Staaten in Europa binnen Wochen Ersatz für jahrzehntelang eingeplantes Pipelinegas organisieren. Der Preis dafür war brutal: In den ersten sechs Monaten des Krieges vervierfachten sich die europäischen Gaspreise.

Abhängigkeit 2.0

Die EU hat eine Abhängigkeit gegen die nächste getauscht. Russlands Anteil an den Gasimporten der EU fiel im vergangenen Jahr auf 12 Prozent – vor der Invasion waren es 45 Prozent. Gleichzeitig schoss die Einfuhr von US-Flüssiggas nach oben: von 18 Millionen Tonnen (2021) auf 65 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr. 2025 stammten laut Kpler 57 Prozent des LNG, das EU und Großbritannien importierten, aus den USA; insgesamt liefern die Vereinigten Staaten heute nahezu ein Viertel der gesamten EU-Gasimporte.

Diese Zahlen bekommen zusätzlich Gewicht durch Politik: Im Handelsabkommen zwischen den USA und der EU vom August 2025 sagte Brüssel zu, zwischen 2026 und 2028 Energie im Wert von 250 Milliarden Dollar aus den USA zu kaufen – deutlich mehr als die rund 75 Milliarden Dollar, die im Vorjahr zusammenkamen. Wer so einkauft, macht sich erpressbar – zumindest theoretisch.

Washingtons Hebel

Genau dieses „theoretisch“ wirkt plötzlich sehr praktisch. Präsident Donald Trump drohte am Samstag, dem 17. Januar 2026, mit einem Aufschlag von 10 Prozent auf Importe aus mehreren europäischen Ländern, die seinen Plan ablehnen, Grönland zu „übernehmen“. Einen Tag später berieten EU-Botschafter über Gegenmaßnahmen – im Raum stehen ein Zollpaket gegen US-Importe im Umfang von 93 Milliarden Euro oder der bislang ungenutzte Anti-Coercion-Mechanismus, der auch Dienste, öffentliche Aufträge und Investitionen treffen kann. Frankreich stellte sogar infrage, ob das Handelsabkommen Bestand haben sollte, falls der Konflikt eskaliert.

Panik ist trotzdem kein guter Ratgeber. Anders als bei Russland stützen in den USA viele Lieferungen langfristige Verträge zwischen Unternehmen; zudem trifft eine harte Kante nicht nur Europa. Europa stand zuletzt für rund die Hälfte der US-LNG-Exporte – ein Einschnitt würde also auch Produzenten und Gasförderer in den USA spürbar treffen. Gazprom zeigt, wie teuer die Politisierung von Energie werden kann: Seit 2022 schrumpften die Gewinne, während europäische Kunden abwanderten.

Doch wer die Lage nüchtern betrachtet, kommt an einem Punkt nicht vorbei: Der US-Präsident hat rechtliche Möglichkeiten, Exporte aus Gründen der nationalen Sicherheit zu begrenzen. Und Trump rief nach seiner Rückkehr ins Weiße Haus im Januar 2025 eine „nationale Energie-Notlage“ aus – ein zusätzlicher Hebel, den Europa in jede Risikoabwägung einpreisen muss.

Energie als Druckmittel ist kein neues Spiel. 1973 setzten arabische Ölproduzenten im Zuge des Jom-Kippur-Kriegs ein Embargo als politisches Instrument ein – mit spürbaren Folgen weit über die USA hinaus. Und 2009 zeigte der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine, wie schnell ein Konflikt in der Transitkette in mehreren europäischen Ländern ankommt. Wer solche Kapitel kennt, reibt sich dieser Tage nicht wegen der Lautstärke die Augen, sondern wegen der Wiederholung.

Damit bleibt die entscheidende Frage offen: Nutzt Europa die aktuelle Zuspitzung als Weckruf – oder verschiebt es die Antwort erneut? Viele Regierungen setzen auf mehr Erneuerbare und Atomkraft, einige denken wieder über die Erschließung heimischer Öl- und Gasreserven nach. Der nächste Streit dürfte nicht fragen, ob der Umbau bequem ist, sondern ob er rechtzeitig kommt.

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