Atomkraft: Riesige Kluft zwischen Klimazielen und realem Ausbautempo
Die Atomindustrie müsste ihre Neubaurate verfünffachen, um die Klimaziele zu erreichen, doch die Kluft zwischen politischen Ankündigungen und tatsächlichem Handeln ist enorm – während Erneuerbare und Batteriespeicher die Konkurrenz massiv verschärfen.

Die globale Atomwirtschaft sieht sich einer enormen Herausforderung gegenüber: Damit die internationalen Klimavorgaben erfüllt werden können, müsste die jährliche Neubaurate von Kernkraftwerken in den nächsten Jahren um das Fünffache steigen. Die World Nuclear Association (WNA) schlägt Alarm und verweist auf eine bedrohliche Kluft zwischen politischen Ankündigungen und realen Fortschritten.
Ab den späten 2030er-Jahren müssten jährlich rund 60 bis 65 Gigawatt neue Kernkraftwerksleistung in Bau gehen, um das gemeinsame internationale Ziel von etwa 1.457 Gigawatt Gesamtkapazität bis 2050 zu erreichen. Zum Vergleich: Im laufenden Jahr 2025 werden voraussichtlich lediglich rund 12,6 Gigawatt ans Netz gehen. Diese massive Differenz ist das beherrschende Thema auf dem diesjährigen 51. Weltnuklearsymposium der WNA in London.
Wo Anspruch und Realität auseinanderklaffen
Jonathan Cobb, leitender Programmverantwortlicher für Klimafragen bei der WNA, benannte die Probleme bereits vor der Konferenz deutlich. „Die Maßnahmen, die diese Beschleunigung ermöglichen, müssen in diesem Jahrzehnt ergriffen werden“, erklärte er in einem Gespräch. „Im Moment besteht für mehrere Länder eine Lücke zwischen dem, was derzeit getan wird, und dem, was getan werden muss, um diese Ziele zu erreichen.“ Erforderlich seien „konzertierte Aktionen“ beim Aufbau von Lieferketten, Fachkräften und Regulierungssystemen.
Zahlreiche Staaten – darunter Brasilien und China – haben sich einem Ziel angeschlossen, das erstmals auf der COP28 in Dubai 2023 verkündet wurde: eine Verdreifachung der Kernkapazität auf 1.200 Gigawatt bis 2050. Fasst man alle nationalen Pläne zusammen, ergibt sich sogar eine Zielmarke von 1.457 Gigawatt. China verantwortet dabei den Löwenanteil der aktuellen Neubauten, während etwa Großbritannien mit Hinkley Point C und Sizewell C zwei Großprojekte auf Basis französischer Technologie vorantreibt.
Das Rennen gegen die Erneuerbaren
Die Atomkraft steht jedoch massiv unter Druck durch alternative Technologien. Die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Während 2025 rund 3 Gigawatt neue Kernkapazität ans Netz gingen, wurden im selben Zeitraum etwa 814 Gigawatt neue Solar- und Windkraft sowie 108 Gigawatt Batteriespeicher zugebaut. Selbst unter Berücksichtigung der wetterabhängigen Einspeisung der Erneuerbaren zeigt sich eine enorme Lücke – vor allem, weil Solar- und Windkraft schneller und kostengünstiger realisiert werden können.
Der rasante Ausbau der Speicherkapazitäten wird für die Atomindustrie zunehmend zum Problem. Er untergräbt eines der stärksten Argumente für Kernenergie: eine kohlenstoffarme Stromquelle zu sein, die wetter- und tageszeitunabhängig liefert. Cobb sieht darin jedoch nicht zwingend einen Nachteil. „Wenn man Batterien ins Spiel bringt, kann das den Betrieb eines Netzes, das Erneuerbare und Kernenergie enthält, erheblich erleichtern“, argumentierte er. Batterien könnten dafür sorgen, dass Kernkraftwerke gleichmäßiger ausgelastet werden, anstatt die Meiler herunterzufahren, wenn die Erneuerbaren viel Strom liefern – was die Erlöse schmälert.
Heiße Sommer belasten Europas Reaktoren
Die europäische Atomflotte hatte in diesem Sommer mit den Auswirkungen extremer Witterung zu kämpfen. Zahlreiche Reaktoren mussten gedrosselt werden, weil die Wasserstände in den Flüssen zu niedrig oder die Wassertemperaturen zu hoch waren – beides kritische Faktoren für die Kühlung der Anlagen. Die ungarische Regierung errichtet sogar ein Wehr in der Donau, um die Wasserstände besser kontrollieren zu können.
Cobb relativierte die Zwischenfälle: „Es war nicht nur die Kernenergie, die von den hohen Temperaturen betroffen war.“ Neue Reaktoren würden zudem mit Kühlsystemen gebaut, „die dafür ausgelegt sind, so lange zu funktionieren, wie sie möglicherweise betrieben werden“. Dennoch zeigen die Vorfälle, dass auch die Atomkraft vor den Folgen des Klimawandels nicht gefeit ist.
Der Pfad zu 1.457 Gigawatt
Von der angestrebten Gesamtkapazität von 1.457 Gigawatt bis 2050 würden laut WNA-Schätzung etwa 400 Gigawatt von bestehenden Reaktoren stammen. Weitere 498 Gigawatt kämen von Anlagen, die bereits gebaut, geplant, vorgeschlagen oder als potenziell eingestuft werden. „Dann wären zusätzliche 559 Gigawatt erforderlich, um das 1.457-GW-Ziel zu erreichen, das die nationalen Regierungsziele kollektiv festgelegt haben“, so Cobb.
Die Atomindustrie muss sich also nicht nur mit den hohen Baukosten und langen Vorlaufzeiten ihrer Projekte auseinandersetzen, sondern auch mit der wachsenden Konkurrenz durch Erneuerbare und Batteriespeicher. Ob die fünffache Baurate tatsächlich realisiert werden kann, bleibt ungewiss – die Zeit läuft, und die Kluft zwischen Anspruch und Realität ist gewaltig.
