Schwimmende Windkraft: Revolution auf hoher See eröffnet neue Perspektiven
Schwimmende Windturbinen könnten die Offshore-Windkraft revolutionieren, stehen aber noch vor erheblichen Kostenhürden. Die Technologie macht tiefe Meeresregionen nutzbar und gewinnt an Bedeutung, auch wenn ihr Anteil an der globalen Kapazität derzeit unt

Schwimmende Offshore-Windkraftanlagen könnten den Sektor der erneuerbaren Energien grundlegend verändern. Während konventionelle Windparks auf dem Meer in flachen Regionen fest am Meeresboden verankert sind, arbeiten Entwickler verstärkt an Lösungen, die Windräder auch in tiefen Gewässern einsetzbar machen. Die Industrie bedient sich dabei erprobter Methoden aus der Öl- und Gasförderung.
Ein erheblicher Anteil des globalen Offshore-Windpotenzials befindet sich in Meerestiefen, die für fest installierte Fundamente nicht geeignet sind. Schwimmende Turbinen umgehen dieses Hindernis, indem sie auf einer Plattform montiert und mit Seilen am Meeresgrund fixiert werden. Die Anlagen müssen über Jahre hinweg extremen Wetterverhältnissen auf offener See trotzen.
„Der Übergang zur Schwimmtechnologie wird weniger durch kurzfristige wirtschaftliche Vorteile als vielmehr durch langfristige Erfordernisse angetrieben“, erklärt Cosimo Ries, Energieanalyst bei der Beratungsfirma Trivium China. In tieferen Meeresregionen liege der Großteil der weltweiten Offshore-Windressourcen. „Das bedeutet, dass schwimmende Windkraft zu einem bedeutenden Faktor für saubere Stromerzeugung werden könnte, sobald [die Gesamtkosten] auf ausreichend niedrige Werte sinken“, ergänzt er.
Kostenniveau als größte Herausforderung
Das Hauptproblem bleibt der finanzielle Aufwand. Selbst in China – dem kostengünstigsten Standort für die Realisierung eines schwimmenden Offshore-Windprojekts – liegen die Ausgaben zwei- bis viermal höher als bei Anlagen mit festem Fundament, so Ries. Projekte, die bis zu 200 Kilometer und mehr von der Küste entfernt sind, treiben die Aufwendungen für Kabelverlegung und Instandhaltung zusätzlich nach oben. Auch die Herstellung der Plattformen ist teuer, und die Witterungsbedingungen auf See können die Errichtung erschweren und Verzögerungen verursachen.
In zahlreichen Regionen der Erde sind energieintensive Küstenmetropolen von Gebirgen und Meeren umgeben, sodass kaum noch Flächen für Solar- und Onshore-Windkraft zur Verfügung stehen. An Küsten mit steil abfallendem Meeresgrund kommen fest installierte Windturbinen nicht infrage. Schwimmende Anlagen könnten hier Abhilfe leisten.
„Dies könnte ein Weg sein, Klimaziele, wirtschaftliche Entwicklung und langfristige Widerstandsfähigkeit in Einklang zu bringen – allerdings nur, wenn die Markteinführung schnell genug skaliert werden kann“, sagt Amisha Patel, Geschäftsführerin der in Kopenhagen ansässigen Global Offshore Wind Alliance.
Pipeline wächst trotz geringem Anteil
Ein Pluspunkt schwimmender Windparks: Sie können in größerer Entfernung zur Küste errichtet werden, was Bedenken hinsichtlich der optischen Beeinträchtigung und der Auswirkungen auf Vogelpopulationen verringert. „Windparks können in größeren Dimensionen gebaut werden als die meisten anderen erneuerbaren Energiequellen, und angesichts der stark steigenden Nachfrage sind große neue Kapazitätszuwächse entscheidend“, ergänzt Abby L. Watson, Mitbegründerin und Präsidentin der Strategieberatungsgruppe Groundwire Group.
Derzeit entfallen auf schwimmende Offshore-Windkraft weniger als 1 Prozent der globalen Offshore-Windkapazität von 91 Gigawatt (GW). Allerdings sind bereits 22 Prozent der künftigen Offshore-Wind-Pipeline der Schwimmtechnologie zuzurechnen, da nahezu 200 GW schwimmender Kapazität angekündigt wurden, so Janna Smith, Projektmanagerin bei der Nichtregierungsorganisation Global Energy Monitor.
China verfüge über die größte Kapazität im Bau, während Europa und Großbritannien sowohl bei der Inbetriebnahme als auch bei der künftigen Entwicklung der Schwimmtechnologie führend seien, so Smith.
Unternehmen sichern sich frühzeitig Positionen
Firmen, die bereits heute in die Technologie investieren, könnten vom wachsenden Pipeline-Bestand profitieren. Dazu zählt Chinas Ming Yang, ein global agierendes Unternehmen für erneuerbare Energien. „Wenn seine Wette aufgeht und die Entwicklung schwimmender Offshore-Windkraft die Erwartungen übertrifft, könnte Ming Yang einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber Konkurrenten ohne nachgewiesene, vergleichbare Angebote erlangen“, so Analyst Ries.
Eine Vielzahl von Branchen engagiert sich in schwimmenden Windturbinen. Erneuerbare-Energie-Unternehmen und Investoren wie das dänische Offshore-Energieunternehmen Ørsted und die Infrastruktur-Investmentfirma Copenhagen Infrastructure Partners beteiligen sich an Projekten. Auch Bau- und Ingenieurfirmen, darunter das staatliche chinesische Ingenieurdienstleistungsunternehmen PowerChina und der Industriekonzern CSSC, sowie Energieversorger investieren in die Infrastruktur. Zudem unterstützen Windturbinenhersteller und Öl- und Gasunternehmen einige dieser Vorhaben.
Für deutsche Anleger ist die Entwicklung von Bedeutung: Die Bundesregierung hat den Ausbau der Offshore-Windkraft als zentralen Pfeiler der Energiewende festgelegt. In der Nord- und Ostsee stoßen fest installierte Anlagen in flacheren Küstengewässern zunehmend an ihre Grenzen. Sollte die Schwimmtechnologie die erhofften Kostensenkungen erreichen, könnten sich neue Chancen für die deutsche Energieversorgung und Investitionen in diesem Sektor ergeben. Für Rohstoff-Anleger interessant: Die steigende Nachfrage nach Spezialstählen, Verbundwerkstoffen und Seltenen Erden für den Bau schwimmender Plattformen und Turbinen könnte neue Impulse für Minen- und Rohstoffunternehmen setzen.
