Gaskrise in Europa: Speicherstände auf historischem Tiefstand vor dem Winter
Die EU startet mit den niedrigsten Gasreserven seit Beginn der Aufzeichnungen in den Winter – die Speicher sind nur zu 65,6 Prozent gefüllt, während die Preise binnen zwei Monaten um 75 Prozent gestiegen sind. Deutschland und die Niederlande verfehlen ihr

Die Europäische Union startet mit den geringsten Erdgasreserven seit dem Beginn der Aufzeichnungen in die kalte Jahreszeit. Der Füllgrad der Speicher liegt bei lediglich 65,6 Prozent – deutlich unter den üblichen Herbstwerten und so niedrig wie seit 15 Jahren nicht mehr zu diesem Zeitpunkt. Zeitgleich kletterten die Notierungen für Gas binnen acht Wochen um über 75 Prozent nach oben und markierten diese Woche ein Drei-Jahres-Hoch.
„Treffen mehrere Störungen gleichzeitig ein, wird die Situation prekär“, erklärte Lucie Boost, Vorsitzende des Industrieverbands Gas Infrastructure Europe, am Mittwoch im Gespräch mit der Financial Times. Marktverwerfungen wie ausgefallene LNG-Lieferungen, ein extrem kalter Winter oder eine geringe Stromproduktion aus regenerativen Quellen könnten die Lage zusätzlich zuspitzen, so die Expertin weiter.
Die niedrigen Reserven geben deshalb Anlass zur Sorge, weil die Speicher normalerweise ein Drittel des europäischen Gasbedarfs im Winter abdecken. Die restlichen Mengen stammen aus Pipelines und Flüssiggasimporten. Fehlt dieser Puffer, wird die EU anfällig für jedwede Versorgungsunterbrechung.
Deutschland und Niederlande räumen Zielverfehlung ein
Innerhalb der EU klaffen große Unterschiede in der Gasversorgung. Betreiber aus Deutschland und den Niederlanden haben mitgeteilt, dass sie die vorgegebenen Speicherquoten nicht einhalten können. In Deutschland liegt der Wert bei 70 Prozent, in den Niederlanden bei 80 Prozent – beide Marken werden voraussichtlich verfehlt. Italien, Frankreich und Spanien hingegen stehen vergleichsweise besser da.
Die niederländische Regierung hat einen ungewöhnlichen Schritt unternommen und eine Milliarde Euro bereitgestellt, damit das Staatsunternehmen Energie Beheer Nederland die Reservoirs in diesem Jahr und 2027 befüllen kann. „Unsere Sorge gilt eher den Preisen als der Versorgungssicherheit“, äußerte ein Regierungssprecher aus Den Haag.
Huibert Vigeveno, Vorstandsvorsitzender des europäischen Gas- und Energieversorgers MET, wies auf eine zusätzliche Schwierigkeit hin: „Das Problem ist nicht, wie viel Gas man beschaffen kann, sondern wie schnell man es einlagern kann.“ Die Einspeicherung erfolgt nur mit einer begrenzten Geschwindigkeit, und die verbleibende Zeit wird knapp.
Hohe Sommerpreise bremsten die Einspeicherung
Gestiegene Gaskosten im Sommer – ausgelöst durch anhaltende Lieferausfälle aus dem Golf – hielten Unternehmen davon ab, in den wärmeren Monaten größere Mengen zu bevorraten. Der Nahost-Konflikt blockiert einen erheblichen Teil der weltweiten Gasströme und treibt die Preise zusätzlich in die Höhe.
Die EU-Kommission sieht nach eigenen Angaben keine akute Versorgungsgefahr. Der Gasverbrauch in Europa sei in den vergangenen Jahren um 17 Prozent zurückgegangen, bedingt durch einen höheren Anteil erneuerbarer Energien und eine gesunkene Industrieproduktion. Zudem werde das Klimaphänomen El Niño milde Temperaturen nach Europa bringen, so die Prognose.
Fachleute warnen vor falscher Gelassenheit
Ungeachtet der beschwichtigenden Töne aus Brüssel raten Experten zur Wachsamkeit. „Ich würde davor warnen, allzu sorglos zu sein, denn immer wieder zeigt sich: Wenn Probleme auftauchen, dann gleich mehrere auf einmal“, sagte Anne-Sophie Corbeau, Gasfachfrau am Center on Global Energy Policy der Columbia University.
Die Gaspreise liegen zwar noch deutlich unter den Rekordmarken von 2022, als Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine startete. Doch der jüngste Preissprung von 75 Prozent binnen zwei Monaten offenbart die Anspannung am Markt.
Am Donnerstag kamen Experten der Mitgliedsländer und der Europäischen Kommission zusammen, um die Speicherstände vor dem Winter zu erörtern. Sie vereinbarten jedoch, trotz der „außergewöhnlichen“ Marktlage nicht regulatorisch einzugreifen.
Großbritannien, das über äußerst geringe Gasspeicherkapazitäten verfügt, ist in besonderem Maße auf Pipeline- und LNG-Importe angewiesen, um den Bedarf in der kalten Jahreszeit zu decken. Auch dort könnte ein strenger Winter zu Lieferengpässen führen.
Für Verbraucher in Deutschland bedeutet die angespannte Situation: Die Gaspreise könnten weiter anziehen, selbst wenn akute Versorgungsunterbrechungen nach Einschätzung von Analysten unwahrscheinlich sind. Der niederländische Netzbetreiber Gasunie hatte bereits im Vormonat erklärt, die Niederlande seien für einen besonders harten Winter „nicht ausreichend gewappnet“.
