Goldströme und Finanzumgehung: Hongkong und Dubai als Schlupflöcher für sanktionierte Staaten
Hongkong und Dubai haben sich als zentrale Drehkreuze zur Umgehung westlicher Sanktionen gegen Russland und den Iran etabliert. Rekordimporte russischen Goldes nach Hongkong und iranische Geldflüsse in Milliardenhöhe durch US-Banken verdeutlichen die wach

Hongkong und Dubai haben sich zu den bedeutendsten Drehscheiben in den weitverzweigten Netzwerken entwickelt, mit denen westliche Sanktionen gegen Russland und den Iran umgangen werden. Jüngsten Untersuchungen zufolge bewegen sich Milliardensummen an sanktionierten Vermögenswerten erfolgreich durch das internationale Finanzsystem – häufig unter Zuhilfenahme der Korrespondenzbanken-Infrastruktur großer westlicher Geldhäuser.
Rekordmengen russischen Goldes erreichen Hongkong
Besonders eindrucksvoll lässt sich dieser Trend am Edelmetallmarkt ablesen. Wie die Financial Times unter Verweis auf Handelsstatistiken meldet, hat Hongkong seine Position als wichtigster Umschlagort für russisches Gold erheblich ausgebaut. In den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 wurden nahezu 100 Tonnen russischen Goldes in die Sonderverwaltungszone eingeführt. Dieses Rekordvolumen ist dreimal so hoch wie im Vergleichszeitraum 2025.
Auslöser war die 2022 erfolgte Schließung der traditionellen Goldhandelsplätze London und New York für russische Erzeuger. Marktbeobachter sehen darin eine unmittelbare Konsequenz der sich vertiefenden Wirtschaftspartnerschaft zwischen Moskau und Peking. Russland ist auf der Suche nach Wegen, seine Rohstoffbestände zur Finanzierung seiner Kriegswirtschaft zu nutzen. China als weltweit größter Goldabnehmer erweist sich dabei als bereitwilliger Partner.
Hongkong unterhält keine Sanktionen gegen russisches Gold und fungiert daher als praktisches Einfallstor. Weil das chinesische Festland strenge Importkontingente durchsetzt, nutzen zahlreiche chinesische Abnehmer Hongkong als Lagerort. Das Gold wird in den Tresoren der Stadt verwahrt, um die heimischen Restriktionen zu umgehen. Hinzu kommen logistische Engpässe in Dubai, die durch anhaltende Konflikte im Nahen Osten verschärft wurden und Hongkongs strategische Rolle weiter gestärkt haben.
Neun Milliarden Dollar: Iranische Gelder passieren US-Banken
Während Hongkong den Warenverkehr erleichtert, besteht eine parallele Herausforderung bei der Bewegung iranischen Kapitals. Ein vom Wall Street Journal zitiertes Papier, auf das sich Investing.com bezieht, belegt, dass im Jahr 2024 rund neun Milliarden US-Dollar an iranischen Geldern durch US-Banken geschleust wurden. Dies geschieht ungeachtet der "Operation Economic Outcast" des US-Finanzministeriums, einer Initiative zur finanziellen Isolierung Teherans.
Die Mittel gelangen typischerweise über Korrespondenzbankbeziehungen in das US-Finanzsystem. Iranische Akteure bedienen sich eines ausgeklügelten Geflechts aus Briefkastenfirmen und Wechselstuben in Jurisdiktionen wie Hongkong und Dubai, um die Herkunft ihrer Gelder zu verschleiern. Sobald diese Transaktionen ausländische Banken erreichen, die Dollar-Clearing-Konten bei US-Instituten unterhalten, sind sie kaum noch von legitimen internationalen Zahlungen zu unterscheiden.
Ein aktueller Durchsetzungsfall verdeutlicht das Ausmaß des Problems: Das US-Finanzministerium beschränkte der VAE-Niederlassung der ägyptischen Banque Misr den Zugang zu US-Korrespondenzkonten. Der Vorwurf: Die Filiale habe 1,8 Milliarden Dollar für iranische Akteure transferiert. Obwohl das Finanzministerium die beteiligten US-Banken nicht namentlich nannte, führt die Website der Banque Misr Institute wie JPMorgan Chase und Citigroup als Korrespondenzpartner auf. Dies unterstreicht die Anfälligkeit des US-Bankensystems gegenüber indirekten Sanktionsverstößen.
Compliance-Risiken und geopolitisches Dilemma
Sowohl der russische Goldhandel als auch die iranischen Finanznetzwerke bergen erhebliche Compliance-Risiken für internationale Banken. Fachleute warnen, dass die Vermischung von sanktionierten und nicht sanktionierten Vermögenswerten ein "reales Risiko einer unbeabsichtigten Gefährdung" für westliche Raffinerien und Finanzinstitute darstellt. Enthält eine Transaktionskette einen sanktionierten Produzenten oder eine sanktionierte Einheit, können Banken gegen internationales Recht verstoßen – selbst wenn die Verbindung durch mehrere Zwischenstationen verschleiert wurde.
Für die USA ergibt sich daraus ein schwieriges Durchsetzungsdilemma. Während das Finanzministerium die Kontrollen weiter verschärft, bergen aggressive Beschränkungen des Korrespondenzbankwesens die Gefahr, legitime internationale Zahlungen zu beeinträchtigen. Zudem könnte dieser Druck die Abkehr vom US-Dollar beschleunigen. Der Iran setzt zunehmend auf den chinesischen Yuan und Kryptowährungen, um die US-Aufsicht zu umgehen, bleibt aber für bestimmte High-Tech-Käufe und den internationalen Handel auf den Dollar angewiesen.
Ein Wandel der globalen Handelsordnung
Die beiden Entwicklungen – russische Goldströme und iranische Finanzumgehungen – zeigen einen grundlegenden Wandel in der internationalen Handelslandschaft. Je umfassender die westlichen Sanktionen werden, desto stärker verlassen sich die betroffenen Staaten auf "Finanzzentren mit chinesischen Merkmalen" oder nahöstliche Transitpunkte, um ihre wirtschaftliche Handlungsfähigkeit zu bewahren.
Hongkongs Behörden betonen zwar, dass die Teilnehmer an ihren Clearingsystemen den Anti-Geldwäsche- und Terrorismusbekämpfungsvorschriften unterliegen. Die Lage vor Ort deutet jedoch darauf hin, dass die Infrastruktur der globalen Finanzwelt zunehmend für die Interessen sanktionierter Länder genutzt wird. Während die USA und ihre Verbündeten versuchen, diese Schlupflöcher zu schließen, steht das globale Finanzsystem vor einer Phase erhöhter Volatilität – geprägt vom Ringen zwischen traditioneller westlicher Aufsicht und der Entstehung alternativer, dezentraler oder nicht-westlicher Handelskorridore.
