IEA prognostiziert "verlorenes Jahrzehnt" für den globalen Ölmarkt
Die IEA senkt ihre Prognose für die globale Ölnachfrage drastisch: Ein Rückgang um 2,5 Millionen Barrel pro Tag wird erwartet, während die blockierte Straße von Hormus und explodierende Kraftstoffpreise den Markt belasten. Für Rohstoffanleger zeichnet sic

Die Internationale Energieagentur (IEA) hat eine alarmierende Prognose veröffentlicht: Die weltweite Nachfrage nach Rohöl wird sich im laufenden Jahr um 2,5 Millionen Barrel pro Tag reduzieren – ein wesentlich kräftigerer Rückgang als ursprünglich angenommen. Als Hauptgrund nennen die Analysten die massiv gestiegenen Preise für verarbeitete Treibstoffe, die den Konsum zunehmend bremsen.
Erschwerend kommt eine geopolitische Sackgasse hinzu: Die IEA erwartet nicht länger, dass die Straße von Hormus im Jahr 2026 wieder uneingeschränkt befahrbar sein wird. Da die Gespräche zwischen Washington und Teheran festgefahren seien, bleibe die für den weltweiten Öltransport zentrale Meerenge das gesamte Jahr 2026 über blockiert, gab die Behörde am Freitag bekannt.
Erst im Vormonat war die IEA noch von einem Rückgang der globalen Nachfrage um rund 1,6 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2026 ausgegangen. Damals kalkulierte sie noch mit einer Normalisierung der Transitmengen durch die Straße von Hormus vor Jahresende. Diese Annahme hat sich nun als unzutreffend erwiesen.
Gründe für die Korrektur nach unten
"Die Herabstufung ist in erster Linie auf das festgefahrene Verhandlungsverhältnis zwischen den USA und dem Iran zurückzuführen, auf die fortwährenden Unterbrechungen der Ausfuhren aus der Golfregion sowie auf die historisch hohen Spritpreise, insbesondere für Diesel, die die Nachfrage zunehmend unter Druck setzen werden", erläuterte die IEA am Freitag.
Die durchschnittliche Ölnachfrage werde sich 2027 lediglich um 2,6 Millionen Barrel pro Tag erholen und damit kaum über dem Wert von 2025 liegen. "Dies würde 2026–27 im Grunde eine verlorene Periode für das Nachfragewachstum bei Öl bedeuten", so die Behörde.
Die Rohölnotierungen reagierten prompt: Die Sorte Brent verteuerte sich im Wochenverlauf um bis zu 14 Prozent und notierte am Freitag bei annähernd 110 US-Dollar je Barrel, dem höchsten Stand seit Mai, ehe sie auf rund 105 US-Dollar nachgab. Auslöser war der sich verschärfende Konflikt zwischen den USA und dem Iran um die Kontrolle der Straße von Hormus.
Hinzu kommt ein Vorstoß der vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen im Jemen auf die Bab-al-Mandab-Straße, die den Zugang zum Roten Meer und zum Suezkanal reguliert. Die Preise für Raffinerieprodukte wie Diesel sind regelrecht explodiert, da die Verarbeitungskapazitäten im Golf durch ukrainische Attacken auf russische Raffinerien beeinträchtigt wurden.
Weitere Preissteigerungen wahrscheinlich
Die IEA geht von einem weiteren Anziehen der Preise für Ölerzeugnisse aus. "Da das Raffineriesystem an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen ist, scheinen die Möglichkeiten begrenzt, eine weitere Verknappung des Angebots und höhere Preise in den nächsten Monaten zu verhindern", mahnte die Agentur in ihrem Report. "Die aktuellen Zahlen liefern eine ernüchternde Bestandsaufnahme."
Höhere Preise für verarbeitete Treibstoffe sollen die Ölnachfrage dämpfen, da preisbewusste Abnehmer ihren Verbrauch reduzieren. Auf der Angebotsseite ging die weltweite Ölförderung im August um 1,6 Millionen Barrel pro Tag auf etwas mehr als 100 Millionen Barrel pro Tag zurück. Mehr als 10 Millionen Barrel pro Tag der Fördermenge aus der Golfregion blieben weiterhin außer Betrieb.
Insgesamt werde das Ölangebot im laufenden Jahr um 5,7 Millionen Barrel pro Tag sinken, so die IEA. "Wobei die erhoffte Erholung der Förderung im Golf nun auf 2027 verschoben wird", erklärte die Behörde.
Ukraine-Konflikt und strategische Reserven
Die "unermüdlichen Angriffe" der Ukraine auf die russische Infrastruktur haben die Gesamtexporte des Landes im August um 410.000 Barrel pro Tag gedrosselt, wodurch sie auf das niedrigste Niveau seit 2018 fielen, so die IEA.
Bis August habe die IEA 320 Millionen Barrel der 400 Millionen Barrel freigegeben, die sie im März ankündigte, als sie mit der größten Freigabe strategischer Ölreserven ihrer Geschichte begann, um Versorgungsängste zu mildern. Das Tempo, mit dem Öl aus den Reserven auf die Weltmärkte gelangt, hat sich jedoch spürbar verlangsamt. Allein im August wurden 20 Millionen Barrel freigegeben, verglichen mit 90 Millionen Barrel im Mai, den aktuellsten IEA-Daten zufolge.
Für Anleger in Rohstoffwerte bedeutet dies: Die Energiepreise dürften auf absehbare Zeit auf hohem Niveau verharren. Das Zusammenspiel aus geopolitischen Risiken, Förderausfällen und einer ausgereizten Raffineriekapazität lässt kaum Raum für eine schnelle Beruhigung an den Ölmärkten – ein Umfeld, das Rohstoffinvestoren genau im Auge behalten sollten.
